Club des Légendes

Von der Bretagne verzaubert - 1996

Eine wunderschöne Woche erlebten 40 Reiseteilnehmer, die mit der Interessengemeinschaft Partnerschaft, die Geschichte und Kultur der Partnergemeinde Plouguerneau und des Départements Finistère erkundeten. Sie ließen sich verzaubern von der reizvollen Landschaft am "Ende der Welt", wo die Bretagne am ursprünglichsten ist. Tief beeindruckt zeigten sich alle von der Herzlichkeit der fast 30jährigen deutsch-französischen Freundschaft.

Unablässig brandet am westlichsten Zipfel Frankreichs das tosende Meer gegen steile Felsenklippen. Schmale windgeschützte Buchten wechseln sich ab mit kilometerlangen, feinsandigen Stränden. Blaugrün schimmerndes Wasser und vorgelagerte Inseln prägen den Küstenstreifen, der von den Bretonen Armor genannt wird. Aber auch das Inland (Argoat) ist kaum weniger abwechlungsreich. Verträumte Dörfer, mittelalterliche Städte, stolze Kirchen und Burgen - auch das ist Finistère.

Die Gegend um Plouguerneau nennt man Côte des Légendes, hier ist das Land der Märchen und Legenden. Die faszinierenden Legenden der Bretonen waren die ganze Woche allgegenwärtig, ja sie führten sogar zur Gründung eines "Club des Légendes".

Nach 14stündiger Busfahrt kam die Reisegruppe im Alter zwischen 15 und 88 Jahren müde aber wohlgelaunt in Plouguerneau an, wo man von Bürgermeister Le Ven und dem Comité de Jumelage empfangen und anschließend zum Essen eingeladen wurde. Bei herrlichem Sonnenschein setzten einige gleich am ersten Tag auf die Leuchtturminsel über und konnten dort ein einzigartiges Naturschauspiel verfolgen. Tausende von Möwen hatten sich die Ile Vierge als Nistplatz ausgesucht und umkreisten kreischend die Besucher. Plouguerneau mit seiner riesigen Gemarkung von 4.333 ha, seiner Küstenlänge von 45 km, seinen 23 Stränden, seinen 13 Kirchen und Kapellen wurde zu Wasser und zu Lande erkundet. Ein neues Motorschiff für Gruppen bis 50 Personen fuhr entlang der Küste und tief hinein in den Aber Wrac´h, in einen der 3 fjordartigen Meereseinschnitte, die der Gegend ihren Namen gaben, Cotês des Abers (Küste der Abers). Mit dem Bus ging es weiter auf Erkundungsfahrt zu all den vielen Sehenswürdigkeiten, fachkundig erläutert und mit kleinen Anekdoten und Legenden untermalt von Reiseleiter Gerhard Hund. So ging es z.B. auf romantischen Wegen steil hinab an die Pont du Diable (Teufelsbrücke) aus römischer Zeit, die in einer Nacht der Teufel persönlich über den Aber Wrac´h gebaut haben soll. Fast kam man zu spät zum deutsch-französischen Abend, zu dem das Comité de Jumelage mit dem Präsidenten Robert Donval an der Spitze, geladen hatte. Zwei leckere Spanferkel mit schmackhaften bretonischen Kartoffeln mundeten vorzüglich. Hinzu kam die beispiellose Gastfreundschaft - es war schlichtweg ein wunderbarer Abend.

Die Côtes des Legendes entlang ging die Fahrt am nächsten Tag bis zum Pointe Saint Mathieu mit dem markanten Leuchtturm und der ehemaligen Abtei, in der angeblich das Haupt des heiligen Mathäus als Reliquie aufbewahrt wurde. Über Portsall, am Anker des gesunkenen Öltankers Amoco Cadiz vorbei, kam man auf Schleichwegen zum Menhir von Kerloas, einem aufrechtstehenden Granitstein mit fast 10 Meter Höhe aus der Jungsteinzeit. Die zu Ehren der Götter aufgerichteten Megalithen galten auch als Fruchtbarkeitssymbole. Spontan bildeten die mitgereisten Frauen einen Kreis und tanzten ausgelassen um den Menhir. Wer weiß, was für Auswirkungen dieser Fruchtbarkeitstanz wohl haben wird. Nach einem köstlichen Mittagessen im Relais von Trébabu ging es an den kilometerlangen Sandstrand "Les Blancs Sablons". Die tosende Meeresbrandung konnte Wolf Honsel nicht davon abhalten, sich in das doch recht frische Wasser zu stürzen. Währenddessen bezwang der älteste Plouguerneau-Reisende aller Zeiten, Otto Frank, furchtlos die steilsten Felsen. An der Bar des Hotels "Le Castel Ac´h" wurden an diesem Abend die ersten eigenen Legenden erzählt. Adalbert Zieher und Wolfgang Koch entwickelten sich in der Folgezeit zu den ungekrönten Königen der Fabulierkunst.

Concarneau mit seiner pittoresken Altstadt und dem hochinteressanten Fischereimuseum sowie Quimper, der Haupstadt des Départements Finistère, galt das Interesse am Dienstag. Bei einer Führung durch die jahrhundertealte Porzellanmanufaktur Henriot wurde bei vielen der Wunsch nach dem Kauf der handbemalten Kunstwerke im angrenzenden Direktverkauf geweckt. Ein Spaziergang durch die historische Altstadt, die von der mächtigen Kathedrale mit dem Reiterstandbild König Gradlons beherrscht wird, bot weitere Gelegenheit zum Einkaufsbummel. Bei der Rückfahrt über das mittelalterliche Locronan erfuhr man weitere interessante Legenden dieser Region, unter anderem vom heiligen Corentinus, der untergangenen Stadt Ys und dem heiligen Ronan. Die meisten dieser Geschichten stammen aus dem 5./6 Jahrhundert, als die von den Angeln und Sachsen vertriebene Kelten über den Kanal in die Bretagne kamen, das Land besiedelten und christianisierten. Unter den deutschen Gästen grassierte allmählich das Legendenfieber.

Eine weitere Tagestour führte zunächst zu den umfriedeten Pfarrbezirken von Saint Thégonnec und Guimiliau mit ihren berühmten Kalvarienbergen aus dem 16. und 17. Jh.. Bis zu 200 in Granit gehauene Figuren erzählen das Leben Christi, teilweise gespickt mit Episoden aus der bretonischen Vergangenheit, so mit der Geschichte vom sündigen Weib Katel Gollet, das von teuflischen Wesen in den Höllenschlund gezogen wird. In den Mühlen von Kerouat konnte man bei einer Führung eindrucksvoll die Lebensweise früherer Generationen kennenlernen. Dann ging es mitten hinein in die bretonische Sagenwelt. Im Wald von Huelgoat, dem Rest eines einst riesigen Waldgebietes, stößt man mehrfach auf die Artussage, so im Camp d`Artus und in der Grotte d´Artus. Ein mehrstündiger Spaziergang an markanten Punkten vorbei, ließ diese bekannteste Sage des Mittelalters wieder lebendig werden. Am Wackelfelsen, einem Koloß von 130 Tonnen Gewicht, wurde das männliche Geschlecht aktiv. Die volle Körperkraft, an einem ganz bestimmten Punkt angesetzt, bringt den Stein zum Wackeln. Manch einer glaubte tatsächlich ein leichtes Schaukeln gespürt zu haben. Zu einem Bretagneaufenthalt gehört unbedingt der Besuch einer Crêperie. Die dünnen gefüllten Pfannkuchen zusammen mit dem obligatorischen Cidre servierte unser Partnerschaftsfreund Pierrot in seinem liebevoll restaurierten bretonischen Bauernhaus in Landéda.

An diesem Abend kam es zu einem historischen Ereignis, zur "Gründung" eines deutsch-französischen Vereins, dem "Club des Légendes". Die Inspirationskraft der zahllosen Legenden war so stark, daß die Erforschung der historischen Wurzeln, die Pflege und Verbreitung bestehender Legenden sowie die Kreation neuer Legenden zur Leidenschaft der Besuchergruppe wurde. Bei der "Gründungsversammlung" am 29.05.1996 wurde Adalbert Zieher einstimmig von den 44 Anwesenden aus Plouguerneau und Edingen-Neckarhausen zum Präsidenten gewählt, ebenso einstimmig sein Stellvertreter Wolfgang Koch. Unterstützt werden die beiden von W. Rosenzweig (Kassier), R. Plitzko (Schriftführer), T. Staudter (Vergnügungswart), W. Honsel, G. Hund, E. Hund, B. Löhrer, D. Quiviger. J. Bernard (Beisitzer). Auf Wunsch des Präsidenten wird die Stelle einer Sekretärin umgehend ausgeschrieben. Zur Finanzierung eines Clubhauses in Plouguerneau und des Ausbaus des Fähr-Häuschens in Neckarhausen als Tagungsstätte für die Vorstandschaft, setzte Präsident Adalbert Zieher in seiner eindrucksvollen Antrittsrede die Aufnahmegebühr auf 600 DM pro Person fest. Die Ernennung von Otto Frank zum 1. Ehrenmitglied und von Lothar Meyer zum Vertreter der Passivität war reine Formsache. Den Dank aller Anwesenden an den souverän agierenden Präsidenten Adalbert Zieher brachte die Gastgeberin von Frau Laschefski zum Ausdruck, Ordensschwester Francoise, als sie dem verdutzten Clubchef 2 herzhafte Küsse auf die Wange drückte. Nach Einzug der Aufnahmegebühr und des Jahresbeitrages sowie der Zuwendung einiger Bausparverträge aus dem Kreis der Mitglieder wird bei der ersten Vorstandssitzung im Gründungslokal der Kauf eines geeigneten Grundstückes in Plouguerneau zum Bau einer Begegnungsstätte im Mittelpunkt stehen.

Auf den Besuch des Wochenmarktes in Plouguerneau und einer Stadtrundfahrt in Brest folgte am Donnerstag ein Höhepunkt des Programms, eine Schiffsrundfahrt in der Bucht von Brest. Dreieinhalb Stunden ging es vorbei an der Küste der Halbinsel Crozon, am Kriegshafen, am Handelshafen, am Freizeithafen, unter die beiden Brücken hindurch, die mehrere hundert Meter weit die Mündung des Flusses Elorn überspannen - und das bei strahlendem Sonnenschein und einem exzellenten Menü, serviert von der charmanten Besatzung.

Am letzten Tag ging es über die Wallfahrtskirche Le Folgoet auf den Soldatenfriedhof in Lesneven, auf dem fast 6000 deutsche Soldaten bestattet sind, die im Verlaufe des 2. Weltkrieges in der Gegend um Brest ihr Leben lassen mußten. Pünktlich um 17.22 h war die Straße vor dem Hotel am Strand von Lilia gesperrt. Es ging um eine Wette, die der Reiseleiter Gerhard Hund mit Adalbert Zieher geschlossen hatte. Adalbert war noch nie zuvor in Plouguerneau, so mußte Gerhard all seine Überredungskunst anwenden und ließ sich zu der Aussage verleiten, daß das Hotel ganze 20 Meter vom Meer entfernt liegen würde. Doch jedesmal, wenn wir in Lilia ankamen, war das Meer weit weg. Adalbert wertete dies als Betrug am Kunden, wollte sogar ein Teil des Reisepreises einbehalten. Man einigte sich auf einen Termin, an dem die Flut einen Höchststand erreichen sollte- Freitag, 17.22 h. Der Kapitän unseres Ausflugsschiffes besorgte uns ein großes Maßband, Gummistiefel und eine Markierungsstange. Eine große Menschenmenge verfolgte den Meßvorgang, durchgeführt von Wolfgang Koch, überprüft und bestätigt von Inge Honsel. Das Meer und die Spannung stiegen und stiegen, auf die Minute genau wurde gemessen - und siehe da, das Meer war nur ganze 19 Meter vom Hotel entfernt. Gerhard jubelte und freut sich nun auf die Flasche Ricard von Adalbert. Den Ausklang bildete ein stimmungsvoller Abschiedsabend, begleitet von Meeresfrüchten, gutem Wein und Gesang, zusammen mit den französischen Freunden im Castel Ac´h. Der Vorsitzende der IGP, Erwin Hund, bedankte sich bei allen, die zum Gelingen der Begegnung beitrugen.

Viele, viele Fahrten wurden in den letzten 30 Jahren in unsere Partnerstadt unternommen. Einige der Teilnehmer an dieser Reise waren sicher mehr als ein Dutzend Mal dabei und können somit Vergleiche ziehen. Dieser Aufenthalt war einer der schönsten, den die Jumelage gesehen hat, alle waren begeistert, die Stimmung innerhalb der Gruppe war wunderbar, es wurden viele neue Freundschaften geschlossen, bei vielen wurde die Liebe geweckt zu einem herrlichen Stückchen Erde und zu einer Städtepartnerschaft, wie sie herzlicher kaum sein kann.

All die schönen Erlebnisse dieser Woche fanden ihren Niederschlag in einer liebevollen Chronik in Reimform, die von Almuth Laschefski an einem Nachmittag in den Dünen von Lilia verfaßt wurde und die sie zur Überraschung aller auf der Heimfahrt im Bus stimmungsvoll vortrug.

Chronik in Reimform

Club des Légendes auf großer Fahrt - 1998

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